Corona-Tagebuch, Tag 9: Solidarität statt Spaltung

Liebes Tagebuch, 

 

ich hab dir ja gestern von unserem Dilemma mit der Corona-Prämie erzählt. Du glaubst nicht, was in unserem Krankenhaus in der Notaufnahme passiert ist! Anstatt, dass die Kolleg*innen sich auf diese spalterischen Machenschaften der Geschäftsführung und des Systems des Outsourcing einlassen, haben sie echte Solidarität gezeigt! Alle Pfleger*innen der Station haben einen Teil von ihrem Bonus zusammengeschmissen und mit der Reinigungskraft von ihrer Station geteilt. Mich hat das auf der einen Seite wirklich tief berührt und ich bin wirklich stolz solche Kolleg*innen zu haben!

 

Auf der anderen Seite macht es mich einfach nur wütend, weil es zeigt, wie viel hier eigentlich falsch läuft. Da bekommen wir endlich mal ein klitzekleines bisschen materieller Anerkennung, aber eben nur ein Teil von uns. Die Kolleg*innen, die eh schon katastrophal und zum Großteil unter Hamburger Mindestlohn-Niveau bezahlt werden, werden nicht mit einer müden Mark bedacht, und wir dürfen die Prämien dann auch noch untereinander aufteilen. Zum Kotzen… 

 

Agnes

 

 

Das Chaos um die "Corona-Prämie" offenbart das ganze Trauerspiel in der (ausbleibenden) politischen und gesellschaftlichen Anerkennung für die Pflege- und andere sogenannte systemrelevante Berufe (die Sendung "Die Anstalt" hat das gut auf den Punkt gebracht) Wir fordern eine einheitliche Prämie für alle! Schluss mit der von oben betriebenen Spaltung der Belegschaften! Betriebs- und Personalräte dürfen nicht für eine solche "Teile und Herrsche"-Logik instrumentalisiert werden. Aber vor allem: statt einer Einmalprämie wollen wir grundlegend bessere Arbeitsbedingungen, mehr Personal und mehr Gehalt für das gesamte Jahr und alle Beschäftigten! Und: Schluss mit Outsourcing - Rückführung der Tochterunternehmen!

 

Agnes ist Pflegerin in einem Hamburger Krankenhaus. Sie wurde von uns als Kunstfigur erschaffen, um die Erlebnisse vieler Kolleg*innen während der Corona-Pandemie anonym darzustellen. In den folgenden Wochen werden wir in weiteren Einträgen die Erfahrungen aus dem Pflege-Alltag im Krankenhaus sichtbar machen. Das Erzählte wurde so von Pfleger*innen erlebt und fasst zum Teil mehrere Erzählungen zusammen. Alle Namen in den Geschichten wurden von uns geändert. Hast Du auch etwas erlebt, was dringend mal in unserem Tagebuch Gehör finden muss? Dann schreib uns eine Mail an info(at)pflegenotstand-hamburg.de!

  •  Ängry-Nurse_Folge-9