Corona-Tagebuch, Tag 5: Mit Lungenkrankheit im Einsatz

Liebes Tagebuch,

 

meine Kollegin Ute hat mir heute eine krasse Geschichte erzählt. Sie arbeitet ja als Poolkraft und wird flexibel auf verschiedenen Stationen eingesetzt, bekommt dafür einen monatlichen Zuschlag. Mitte Oktober hat sie erfahren, dass sie ein Lungenemphysem hat, eine chronische Lungenkrankheit. Nun hieß es vor zwei Wochen, sie solle nach ihrem Urlaub in einer Abteilung des Notaufnahme mit Covid-Patient*innen arbeiten und mit Patient*innen, die mit entsprechenden Symptomen zur Erstversorgung eingewiesen werden. Zwar arbeiten die Kolleg*innen dort mit FFP2- und zum Teil auch mit FFP3-Masken, aber viele Räume können zum Beispiel nicht stoßgelüftet werden.

 

Ute ist dann zum Arzt, der ihr ein Attest ausgestellt hat, dass sie nur eingeschränkt einen Mund-Nasen-Schutz tragen kann, da sie mit ihrer Lungenkrankheit Probleme hat eine ganze Schicht lang mit FFP2-Masken zu arbeiten, aufgrund des dadurch erhöhten Atemwiderstandes, der sich schädigend auf die Lungenvitalkapazität auswirken kann. Die Berufsgenossenschaft riet ihr, sich an den Betriebsrat zu wenden und die Betriebsärztin aufzusuchen. Einen Termin bei letzterer erhielt sie erst nach einer Beschwerde bei der übergeordneten Stelle; eine Kollegin hatte sie zuvor im Vorzimmer mit den Worten abgewimmelt, sie könne nach drei Lungenembolien mit einer FFP2-Maske sogar besser atmen... Falls das bei Ute nicht ginge, müsse sie eben woanders eingesetzt werden. Die Betriebsärztin stellte ihr dann auch eine Bescheinigung aus, dass sie nicht obligatorisch FFP2/FFP3-Masken tragen könne.

 

Schließlich kam es zu einem Gespräch mit der unmittelbaren Vorgesetzten und der Pflegedienstleitung, die erklärten, dieser Teil der Notaufnahme sei ja gar keine Covid-Station und die FFP2-Maske bräuchte Ute ja nur im direkten Patientenkontakt zu tragen. Als Ute ihr die betriebsärztliche Bescheinigung zeigte, hieß es dann, eine Beschäftigung über den Pool ginge dann nicht mehr - aber ob es gerade freie Stellen auf Stationen gäbe, müsse man erstmal schauen... Und die Folge für Ute wäre: Wegfall des Pool-Zuschlages.

 

Nächster Akt der Geschichte war dann ein Treffen mit einer Betriebsrätin, die daraufhin mit der Pflegedirektorin über die Angelegenheit sprach. Ein geplantes Treffen mit dieser kam bislang nicht zustande... Ute schrieb mir vorhin die Nachricht: "Es geht mir nicht darum, nicht in der Notaufnahme zu arbeiten. Es geht mir darum, meine Gesundheit zu schützen."

 

Schon krass, diese Ignoranz und vor welche Hürden ältere Kolleg*innen mit Atemwegserkrankungen wie Ute gestellt werden, damit ihr Anspruch auf Gesundheitsschutz Beachtung findet. Und nachdem sie auf diesem insistiert hat, dann auch noch mit Gehaltskürzungen zu drohen, ist echt das letzte! Wir Pfleger*innen sind doch kein Kanonenfutter!!

 

Agnes

 

ps: gerade eine Nachricht von Ute bekommen, sie ist positiv getestet worden...

 

 

Agnes ist Pflegerin in einem Hamburger Krankenhaus. Sie wurde von uns als Kunstfigur erschaffen, um die Erlebnisse vieler Kolleg*innen während der Corona-Pandemie anonym darzustellen. In den folgenden Wochen werden wir in weiteren Einträgen die Erfahrungen aus dem Pflege-Alltag im Krankenhaus sichtbar machen. Das Erzählte wurde so von Pfleger*innen erlebt und fasst zum Teil mehrere Erzählungen zusammen. Alle Namen in den Geschichten wurden von uns geändert. Hast Du auch etwas erlebt, was dringend mal in unserem Tagebuch Gehör finden muss? Dann schreib uns eine Mail an info(at)pflegenotstand-hamburg.de!

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