Corona-Tagebuch, Tag 3: Falsche Masken

Liebes Tagebuch,

 

heute Mittag saß ich, nach dem ich wie immer 8 Stunden über die Station gerannt war, mit meinen Kolleginnen am Tisch um Übergabe zu machen. Während meine Kollegin über die Geschehnisse aus ihrem Bereich berichtete, betrachtete ich die Packung der FFP2-Masken, die im Regal neben mir stand. Mir fiel ein Schriftzug am unteren Rand der Vorderseite der Packung auf: „This product is a non-medical device“. Moment mal, habe ich gerade richtig gelesen?! JA! Dort steht tatsächlich, dass es sich um kein Medizinprodukt handelt. Ich drehte die Packung um. Dort konnte ich lesen, wofür die Maske eigentlich bestimmt ist: Hausstaub, Pollen und Autoabgase!

 

Ich konnte nicht glauben, was ich da sah und zeigte es den Kolleginnen. Auch sie waren entsetzt.

 

Keiner hatte es bislang gemerkt. Ich stellte mir vor, dass ich vielleicht schon häufiger diese „non-medical“-Masken ohne es zu wissen getragen hatte, vielleicht sogar bei Kontakt mit Corona-Patienten, die ja manchmal unwissend bei uns auf Station liegen, bis wir das Abstrichergebnis bekommen. Bei dem Gedanken wurde mir ganz anders.

 

Nach der Übergabe informierten wir sofort den Betriebsrat und die Hygienebeauftragten und konfrontierten auch unsere Vorgesetzten mit der Tatsache, dass unsere Schutzausrüstung nicht okay zu sein scheint ... 

 

Wir wurden auf eine E-Mail verwiesen. Scheinbar hatte der Arbeitgeber diese bereits vor ein paar Tagen intern verschickt. Darin ging es um die Zertifizierungen von Masken. Es hieß, das sei alles unbedenklich, die Masken seien schnell produziert und verpackt und erst im Nachhinein zertifiziert worden, nur die Verpackung stimme nicht... Das konkrete Zertifikat wurde uns natürlich nicht vorgelegt... So bleibt wie bei allem momentan die Unsicherheit, sind wir gut geschützt? Und warum werden wir in solche Prozesse eigentlich nicht mit einbezogen und ausreichend informiert ... 

 

Deine Agnes

 

 

Agnes´ Erlebnis in einem Hamburger Krankenhaus ist kein Einzelfall, wie das Deutsche Ärzteblatt vor wenigen Tagen in einem Bericht aufgedeckt hat: "Deutschlandweit haben zahlreiche Krankenhäuser offenbar noch immer mangelhafte und nicht zertifizierte Schutzausrüstung in ihren Beständen."

 

Wir fordern deshalb: ausreichend und sichere Schutzmaterialien für alle Beschäftigten und zu jeder Zeit; die Einbeziehung des Personals in Entscheidungsprozesse; und einen transparenten Umgang mit der Situation!

 

Agnes ist Pflegerin in einem Hamburger Krankenhaus. Sie wurde von uns als Kunstfigur erschaffen, um die Erlebnisse vieler Kolleg*innen während der Corona-Pandemie anonym darzustellen. In den folgenden Wochen werden wir in weiteren Einträgen die Erfahrungen aus dem Pflege-Alltag im Krankenhaus sichtbar machen. Das Erzählte wurde so von Pfleger*innen erlebt und fasst zum Teil mehrere Erzählungen zusammen. Alle Namen in den Geschichten wurden von uns geändert. Hast Du auch etwas erlebt, was dringend mal in unserem Tagebuch Gehör finden muss? Dann schreib uns eine Mail an info(at)pflegenotstand-hamburg.de!